Donnerstag, 1. Dezember 2016

Wenn Gott verschwindet, verschwindet der Mensch - Rolf Bauerdick


Wenn wir uns der sündhaften Verlockung neuester Schokoladenkreation mit Freude hingeben oder unsere Seele in der Umgebung einer angesagten Wellnessoase baumeln lassen, dann resultiert daraus nicht etwa tiefste Zufriedenheit. Vielmehr ist die Haltung tiefer Besorgnis geboten. Denn keine anderen Begriffe werden derart inflationär verwendet, wie Sünde und Seele. 


„Aus dem Transzendenzbezug“, so stellt Rolf Bauerdick treffend fest, „wird ein hedonistisch einzulösender Diesseitsbezug“. Theologisches Fachvokabular wurde längst jeglicher religiösen Bedeutungsdimension beraubt. Und auch Formulierungen wie Gott, Himmel, Hölle, Auferstehung uvm. stellen lediglich leere Hüllen von Begriffen dar, deren Sinn längst abhandengekommen ist. 


Von Seiten der Kirche wurde diesem Vorgang der Aushöhlung „nichts oder nur wenig entgegengesetzt“. Zurück bleiben Zeichen, Symbole und Worte musealen Charakters, ausselektierte Ausstellungsstücke fernab einer jeden Alltagsrelevanz. 


Diese Beobachtung dient als Spiegel dessen, was mit dem Glauben zurzeit geschieht. Was bleibt ist bestenfalls eine Hülle, deren Kern, der eigentliche Transzendenzbezug, für eine Vielzahl an Gläubigen nur noch schwer zugänglich erscheint. Welche Hoffnung verbinde ich mit der Auferstehung? Was bedeutet Gott für mich und mein Leben? Im schlimmsten Fall werden Fragen wie diese gar nicht mehr gestellt.


Unter Rückbezug auf theologische Größen wie Karl Rahner oder dogmatische Fachtermini, man denke an den eschatologischen Vorbehalt, liefert Bauerdick eine schonungslose Analyse des aktuellen Stellenwertes unseres Glaubens innerhalb der modernen Gesellschaft.

Gerade für alldiejenigen, die wie der Autor selbst, ein Theologiestudium abgeschlossen haben, bietet die Lektüre zahlreiche Querverweise, Anknüpfungspunkte sowie Momente der kritischen Reflexion. Durch eine wortgewandte, stilistisch überaus ansprechende Ausdrucksweise mit vielen Alltagsbeispielen sowie wissenschaftlich fundierten Thesen versehen, eigenen Erfahrungen und Vergleichen bleiben die Ausführungen des Verfassers bis zur letzten Seite hochinteressant. Sie können als Versuch der Sensibilisierung für das Wesentliche des christlichen Glaubens gelten und gleichsam als ein Plädoyer, mutig die Schritte zur Wiederbelebung des Glaubens zu wagen.


Letztgültigen Sinn kann es für den Menschen nur geben, wenn er nicht darauf angewiesen ist, in einer narzisstisch-hedonistisch gefärbten Gesellschaft zu leben. Überaus zu empfehlen! 

5 Sterne! 

Weitere Infos bei DVA.

Sonntag, 13. November 2016

Herz aus Nacht und Scherben - Gesa Schwartz



Eine fantastische Welt voller Magie, Spannung, Liebe und persönlichen Herausforderungen

„Ohne ein Wort zu sprechen, barg sie den Kopf an seiner Brust, und für diesen Moment war es nicht mehr wichtig, wie mächtig die Welten waren, die zwischen ihnen lagen. Für diesen Augenblick waren sie nur ein Junge und ein Mädchen, die sich aneinander festhielten … umgeben von den Farben der Träume.“




Nach dem Tod ihrer Eltern hat die 17-jährige Milou erstmals die Gelegenheit, ihre Großmutter in Venedig zu besuchen. Und gleich bei ihrer Ankunft in der ungewöhnlichen Stadt findet sie sich inmitten rätselhafter Nebelfelder in düsterer Atmosphäre wieder. Von traurigen Erinnerungen an die Vergangenheit heimgesucht, beschließt das Mädchen, den Vorfall zunächst zu verdrängen. Doch ihre Großmutter ist ganz anders als ihr vom rationalen Denken bestimmter Onkel, von dem sie als Waisenkind aufgenommen wurde. Bald schon lernt Milou den geheimnisvollen Rabenwandler Niv näher kennen, dessen Herz aus zerbrochenen Träumen besteht. Sie verliert sich immer mehr in einer Welt voller Zauber und Magie, aber auch voller Gefahren und ihr unbekannten Kräften … 


Gesa Schwartz ist es gelungen, durchweg sympathische Charaktere zu schaffen, mit denen die Leser mitfühlen. Dabei werden die typischen Probleme und Fragen der Identitätsfindung mit zauberhaften Welten verflochten. Wer bin ich und wer will ich sein? In welcher Welt will ich leben? Wem kann ich vertrauen? Welche Rolle spielen die Erwartungen, die von außen an mich herangetragen werden? So wie alle Jugendlichen sind auch die Protagonisten des Romans gehalten, sich diesen Fragen zu stellen und individuelle Antworten zu finden. Es macht Spaß, die einzelnen Charaktere auf ihrer Reise zu begleiten und eine dabei eine neue, magisch-zauberhafte Seite der Stadt Venedig zu entdecken. 


Schwartz schreibt sehr bildhaft-anschaulich, nutzt ein breites Repertoire ansprechender Metaphern und gelungener Dialoge, sodass es leicht fällt, in die fiktionale Welt einzutauchen. Die Lektüre gestaltet sich als sehr kurzweilig und dank unvorhergesehener Wendungen als ebenso spannend wie abwechslungsreich. Die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen Milou und dem Wandler Niv sorgt letztlich für eine gehörige Portion Romantik verbunden mit einer gewissen Tragik. Es bleibt von Anfang an spannend herauszufinden, ob es den beiden gelingen wird, vorherrschende Hindernisse zu überwinden, Schwierigkeiten zu meisten und Grenzen zu sprengen, um dauerhaft zusammen sein zu können. 


Fazit: Eine fantastische Welt voller Magie, Spannung, Liebe und persönlichen Herausforderungen, in die man sich gerne lesend hineinversetzt. Sehr gelungen! 

5 Sterne! 

Weitere Infos bei cbt.

Freitag, 4. November 2016

Kraftorte - Anselm Grün



„Die äußere Umgebung hilft Ihnen, nach innen zu sehen und in sich selbst den Zufluchtsort der Stille zu finden. Dort, auf dem Grund Ihrer Seele, entdecken Sie den wahren Kraftort, den Ort, an dem Gott in Ihnen wohnt. Und Gott ist die Quelle aller Kraft.“ … 

… so heißt es im Nachwort dieses Buches, das das Wunder der Schöpfung eindrücklich vor Augen führt. Insgesamt werden 25 Kraftorte in Bild und Wort vorgestellt, sodass man als Leser nicht nur einzigartige Fotografien entdecken kann, sondern gleichzeitig auch Hintergründe zu den jeweiligen Orten erhält, wie z.B. Grundlegendes zu Stonehenge. Zahlreiche Fotos transportieren die außergewöhnliche Atmosphäre der jeweiligen Orte und lassen ihre je ganz besondere Kraft spürbar werden. Ruhe, Besinnung, die Nähe zu Gott und allgemein spirituelle Erfahrungen lassen sich hierbei erahnen. 

Angeregt wird zudem die Lust, selbst den ein oder anderen Ort zu besuchen. Es kann außerdem heilsam sein, als Gegenkonzept zu unserem beschleunigten Alltag ganz bewusst den Fokus auf die innere Befindlichkeit zu legen, bewusst Abstand zu suchen und sich der transzendenten Sphäre zu öffnen versuchen. 

Die Kraftorte sind thematisch sortiert und gliedern sich wie folgt: 

Klöster
>  Zeichen und Wunder
>  Orte der Stille (hierzu zählen etwa Friedhöfe, Höhlen oder Wälder)
>  Wasser und Weite
>  Gärten, Bibliotheken, Leseecken
>  Heilige Stätten wie etwa Pyramiden, Tempel 

Einzelne Lichtspiele, Kreuzgänge oder eine Erholungsbank an einem ganz bestimmten Ort reichen oftmals schon aus, zur Ruhe zu kommen. Das Buch ist eine wunderbare Geschenkidee und als solches selbst Anlass, sich den beeindruckenden Naturschauspielen hinzugeben und während der Lektüre Abstand von der Hektik des Alltags zu finden. Sehr gelungen.

Weniger gelungen und etwas ärgerlich sind die Rechtschreibfehler gleich zu Beginn der ersten Seite innerhalb der Einleitung sowie im Nachwort. Bei einer eher geringen Textfülle hätte man doch ein gelungenes Lektorat erwarten dürfen. Deswegen eindeutig einen Stern Abzug! 

4 Sterne aufgrund der vielen Fehler! 

Weitere Infos bei Herder. 

Samstag, 29. Oktober 2016

Sinnflut. Ein Gebetsworkshop für Jugendliche - Stephan Sigg

Kreative Annäherungsversuche ans Beten  -  wunderbar für Schule und Gemeindearbeit 


Zur Ruhe kommen, die Nähe Gottes suchen, Beten ... 

Im Alltag der meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen spielen diese Kategorien keinerlei Rolle. Vielmehr scheint es darum zu gehen, immer schneller immer mehr zu erreichen, an Ruhe ist da kaum zu denken und beim Gespräch über die Nähe Gottes reagieren sie bestenfalls peinlich berührt. Dabei spüren viele eine tiefe Sehnsucht nach Mehr, die sie jedoch nicht ausdrücken können. 


Beten? Was soll das sein? Wie kann ich beten? Und wozu ist das Ganze überhaupt gut? Stephan Siggs „Sinnflut“ ist eine interessante Einführung in das Gebet, die genau diese Fragen und viele weitere so beantwortet, dass die Lektüre nicht nur kurzweilig ist und Spaß macht, sondern Jugendliche und junge Erwachsene gleichsam eine Einladung erhalten, das Gebet neu zu entdecken. 

Dem Autor ist es auf einzigartige Weise gelungen, fernab von der tradierten Gebetspraxis neue Formen des Zugangs zu finden, die zu 100% der Lebenswelt der jungen Generation entsprechen.  

Kreative Impulse laden dazu ein, alternative Arten des Betens auszuprobieren, wie etwa das Emoji-Gebet. Ein Smartphone-Foto-Shooting zum Thema „Blitzlichter der Woche“ oder ein Danke-ABC am Ende des Tages sind wunderbare Möglichkeiten, Dankbarkeit auszudrücken und zugleich für all die Dinge sensibilisiert zu werden, für die wir zutiefst dankbar sein dürfen. Sehr schnell wird deutlich, dass im persönlichen Gebet jeweils auch ein Lernprozess stattfindet, der die eigene Person betrifft. Hier findet eine Reflexion der Frage statt: Was ist mir persönlich in meinem Leben wichtig und wertvoll?


Besonders interessant ist es beispielsweise, sich dieser Frage mithilfe eines Wortgitters anzunähern, in dem Begriffe zuerst einmal gefunden werden müssen, um sie anschließend ihrem persönlichen Wert nach farblich zu markieren. 


Viele bunte und graphisch abwechslungsreich gestaltete Seiten mit Platz für Fotos und eigene Eintragungen machen es sehr leicht, sich dem Thema Beten zu öffnen. Karierte Seiten als Hintergrund, wie sie oftmals genutzt werden, erinnern an den eigenen Schulblock, auf dem ohne Vorgaben ganz entspannt herumgekritzelt werden darf. Stephan Sigg hat es geschafft, diese entspannte Haltung auf das Thema Beten zu übertragen und einen Zugang zu öffnen, der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeigt, wie gewinnbringend und sinnerfüllt Beten sein kann. 


Fazit: Für Schule und Gemeindearbeit oder auch als Geschenk sehr zu empfehlen! Ein überaus gelungener Workshop im Sinne eines persönlichen Eintragebuches. 

5 Sterne! 

Weitere Infos bei Kösel.